Sieben Jahre StirnhirnhinterZimmer

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Sieben Jahre bereits steht dieser verquere Name für erlesene Phantastik, auserlesene Grotesken und vorgelesenen Quatsch. Fern jeglicher SlamPoetry, Alltagsprosa und üblichen Lesebühnenromantik präsentiert sich das StirnhirnhinterZimmer, bestehend aus Christian von Aster, Boris Koch und Markolf Hoffmann, im HinterZimmer der Berliner "Z-Bar" in der Nähe des Rosenthaler Platzes (Bergstrasse 2). Und das mit Erfolg: jüngst wurde das StirnhirnhinterZimmer mit dem Publikumspreis der Initiative "Beste Berliner Lesebühne" ausgezeichnet - bzw. wird diese Verleihung beim nächsten regulären Termin am 8. März, 20:30 Uhr, erfolgen - mehr dazu auf der Webseite des StirnhirnhinterZimmers

Zeit also, dem Mythos StirnhirnhinterZimmer nachzugehen - jener Lesebühne, die es auf sieben stolze Jahre, eine goldene Schreibmaschine und immerhin drei Buchveröffentlichungen gebracht hat (zuletzt: Rückkehr ins StirnhirnhinterZimmer, U-Books Augsburg 2011, 9,95 €, ISBN- 978-3939239093). Ein Kollege der drei HinterZimmerer, der Berliner Autor (und Lesehappen-Mitglied) Simon Weinert, wagt einen Blick hinter die Fassade der drei abgebrühten Lesebühnenprofis ... und hat sich vorgenommen, ihnen richtig auf den Zahn zu fühlen. 

Interview des StirnhirnhinterZimmer (nachgefragt hat: Simon Weinert)

Mit den roten Pseudosamtvorhängen an der Wand, den kitschigen Leuchtern und dem gestimmten Flügel wirkt das Hinterzimmer der Z-Bar ziemlich posh. Kein Wunder, befinden wir und doch im schicken, mainstreamverseuchten Berlin-Mitte, die FDP-Parteizentrale befindet sich kaum zwei U-Bahnstationen entfernt im selben Stadtteil.

Hier treffe ich mich mit den drei Autoren des StirnhirnhinterZimmers, einer “regelmäßige[n] Lesereihe, die sich der phantastischen Literatur in ihren verschiedenen Ausprägungen widmet”, wie es auf der dazugehörigen Homepage heißt. Jeden zweiten Donnerstag im Monat laden Boris Koch, Christian von Aster und Markolf Hoffmann in die Z-Bar ein, um ihrem geduldigen Publikum bei spärlichem Licht ihre neuesten Ergüsse vorzutragen und artig den Applaus dafür einzuheimsen.

Als sie mich freundlich, aber mit der steifen Gönnerhaftigkeit von Leuten, denen künstlerische Routine und Erfolg ein ungeheures Maß an Selbstbewusstsein, ja fast schon Überheblichkeit und ein gewisses Gefühl der kreativen Sättigung verleiht, begrüßen, wundere ich mich doch sehr. Offenbar streben die drei Autoren nicht so sehr nach Individualität, sondern nach streamgelintem Uniformismus: Sie haben alle exakt dieselbe Frisur und tragen grau-braun-schwarze Kapuzenpullis. Deshalb fällt es mir schwer, die drei Typen auseinanderzuhalten.

Ich bin gespannt auf das Gespräch, denn ich, durch meine Mitgliedschaft bei der innovativen Lesebühne Schlotzen & Kloben an den Puls der aufregenden, provokanten und quirligen Neuköllner Kulturszene gewohnt, kann mir nicht so recht vorstellen, was Aster, Koch und Hoffmann da zwischen Samtvorhang und Literaturestablishment so treiben.

 

Simon Weinert: Ihr feiert mit eurer Lesebühne mit dem kauzigen Namen “Das StirnhirnhinterZimmer” dieser Tage euer sechsjähriges Jubiläum. Ich nehme an, Boris, dass euch das mit Stolz erfüllt. 

 

Boris Koch: Nenn mich ruhig einen Pedanten oder Zahlenfetischisten, aber es ist tatsächlich unser siebenjähriges Jubiläum. Und natürlich bin ich stolz darauf, ein StirnhirnhinterZimmerer zu sein, ganz erfüllt bin ich davon, aber zugleich auch dankbar und froh, endlich dieses verflixte siebte Jahr hinter uns zu wissen, nicht erst das sechste. Das siebte ist ja traditionell das schwerste, ähnlich wie die zweite Saison nach dem Aufstieg in die Bundesliga. Alles statistisch nicht belegt, was beweist, dass ich doch kein Zahlenfetischist bin, sondern nur ein wenig abergläubisch, und genau deshalb beharre ich darauf: Sieben Jahre. Und das meinetwegen auch voller Stolz.

 

Simon Weinert: Nun, ob sechs oder sieben Jahre, jedenfalls seid ihr mehr oder weniger ein Relikt aus dem letzten Jahrzehnt. Und der Stolz ist tatsächlich nicht zu überhören. Christian, auf was genau seid ihr denn nun stolz? Es kann ja wohl nicht wegen der Tatsache sein, dass ihr seit sechs oder wie vielen Jahren auch immer allmonatlich diesselbe Masche abzieht, um euer geduldiges Publikum mit literarischer Einheitskost fetter und fetter zu machen.

 

Christian von Aster: Zunächst einmal, lieber Herr Weinert, möchte ich mir im Namen des StirnhirnhinterZimmers verbitten, als Relikt aus dem letzten Jahrzehnt bezeichnet zu werden. Wenn, dann seien Sie doch bitte so korrekt, und gönnen uns das letzte Jahrhundert. Denn eben dort sind unsere literarischen Wurzeln zu finden. Ebenso wie übrigens auch im kommenden. Aber um auf den erwähnten Stolz zurückzukommen: dieser fußt ja vor allem auf dem Umstand, dass wir all das nach wie vor zusammen durchstehen. Obwohl Herr Hoffmann mich bereits mehrfach verklagt, Herr Koch mich mit einem Elektroschocker überfallen hat und ich beide im Zuge der Veranstaltung mehr als einmal bewusstlos habe schlagen müssen. Aber darin liegt ja gerade die Dynamik des StirnhirnhinterZimmers und auch sein therapeutischer Wert. Wobei die von Ihnen erwähnte Einheitskost - tatsächlich benutzen wir seit nunmehr sieben Jahren konsequent das gleiche Alphabet - meines Erachtens am ehesten als kraftvolles Mantra zu verstehen ist.

 

Simon Weinert: Aha. Markolf, dann darf ich Dich fragen, wie das Ganze bei Dir aussieht? Findest Du es nicht etwas gestelzt, dass ihr euch während eurer Therapiesitzungen mit “Herr” und “Sie” ansprecht? Wir leben immerhin schon im 21. Jahrhundert, auch wenn eure Wurzeln in der Epoche der Heintje-Filme liegen mögen. Und: Hat Dir die Therapie im StirnhirnhinterZimmer etwas gebracht? 

 

Markolf Hoffmann: Anders als bei flegelhaften, pseudohippen und schlechtbesuchten Veranstaltungen im ach so coolen Neukölln zählen eben bei uns noch Werte wie Höflichkeit, Anstand und Erfolg. So habe ich Herrn von Aster zwar mehrfach verklagt, aber nach jedem Gerichtstermin gehen wir trotzdem zusammen Mittagessen. Und Herr Kochs Elektroschocker ist vergoldet. Was Heintje betrifft, so halte ich ihn für den unterschätztesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Mit Herrn von Aster arbeite ich seit geraumer Zeit an einem Gedichtzyklus über dieses vergessene Talent - nach jedem postjudikativem Mittagessen kommt eine Strophe hinzu. Insofern ist das StirnhirnhinterZimmer mehr als Therapie; es ist Kreativschmiede, literarischer Jungbrunnen und kreatives Avalon in einem Atemzug … während man in gewissen Neuköllner Kneipen nur Tabak und moralinsauren Männerschweiß inhaliert.

 

Boris Koch: Heißt das, wenn ich da auch mitarbeiten will, muss ich anfangen euch zu verklagen statt euch zu schocken?

 

Christian von Aster: Dich nehmen die sicher auch so. Du weißt doch, wie das ist, da unten in Neukölln. Da schauen sie dich zwar schräg an, wenn du aufrecht gehen und mit Messer und Gabel essen kannst, aber vor jemandem, der mehr als die Hälfte des Alphabets beherrscht, haben sie Respekt. Das ist ja auch der Grund, weshalb der Kollege Weinert sich mit seinen Mannen dort niedergelassen hat. Da hätten wir mal drauf kommen sollen...

 

Boris Koch: Kollege, ich wollte bei eurem Gedichtzyklus mitarbeiten, nicht bei Schlotzen & Kloben. Aber gut, dann eben nicht. Ich hab den Zaunpfahl verstanden. Ich klag mich in euer Projekt nicht ein!

Markolf Hoffmann: In die Heintje-Elegien schleust dich selbst dein bayrischer Rechtsanwalt nicht ein - da ist es in der Tat wahrscheinlicher, dass Schlotzen & Kloben dich mitschlotzen lässt. Obwohl, denen bist du wahrscheinlich zu erfolgreich ...

 

Simon Weinert: Erfolg als Wert. Das klingt ja ganz nach einem wirtschaftsliberalen, christdemokratischen Grundsatz. Vielleicht strahlt da die nahegelegene FDP-Zentrale doch etwas ab. Boris, erzähl doch mal, was das für ein Publikum ist, bei dem ihr nun schon sechs Jahre mit euren höflichen und anständigen öffentlichen Therapiesitzungen Erfolge feiert?

 

Boris Koch: Wie ich schon sagte, wir machen das seit sieben Jahren. Und auch von Anfang an mit Publikum, es ist Verleumdung zu behaupten oder auch nur im Entferntesten anzudeuten, wir hätten die ersten zwölf Monate vor leeren Stühlen gelesen. Das verbitte ich mir! Höflichst! Ja, sogar aufs Allerhöflichste!

Es ist ein wunderbares, höfliches, wohlerzogenes, geschmackvoll gekleidetes, Flaschenbier trinkendes, stickige Hinterzimmerluft atmendes, therapieresistentes Publikum. Es besteht überwiegend aus Menschen beiderlei Geschlechts, bestimmt nur selten das Thema der Lesung, verzichtet meist darauf, während der Veranstaltung Bengalos abzubrennen, und stammt - soweit unsere Detektive das ermitteln konnten - ausnahmslos nicht aus der Käfighaltung.

 

Simon Weinert: Das klingt nach einem extrem gestreamlinten, angepassten, politisch hyperkorrekten Publikum, wie es sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht besser wünschen könnten. Nun erklärt sich mir auch, weshalb ihr den Termin für eure Lesung auf einen Donnerstag und nicht auf den Samstag gelegt habt -- eine kluge Entscheidung, da eure Hörer da lieber das Musikantenstadl gucken dürften.

Diesem eurem Publikum wird es wohl auch zuzuschreiben sein, dass ihr in euren Texten zuweilen zwar viel über Sex redet, aber letztlich dann doch nicht ernst macht mit dem Thema. Christian -- oder soll ich Herr von Aster sagen? --, wie sehr ist es äußeren Notwendigkeiten geschuldet und/oder wie sehr spiegelt es eure innersten Überzeugungen wider, dass Sex in euren gelesenen Werken immer nur eine effekthascherische Rolle einnimmt, im Grunde aber verklemmt, oder mit anderen Worten: gesellschaftlich akzeptabel daherkommt?

Christian von Aster: Wenn Ihnen der Sinn danach steht, Herr Weinert, dürfen speziell Sie mich auch gerne Mary Poppins nennen. Sie scheinen mir nämlich ein wenig unentspannt, und wenn es Ihnen an dieser Stelle eine Freude macht, würde ich Ihnen gern einräumen, mir einen Namen zu geben, der Ihnen liegt. Tatsächlich besteht ja auch der größte Teil unseres Publikums aus sexuell ähnlich unausgelasteten Menschen wie Ihnen. Wobei gerade Ihnen, wenn ich so sagen darf, die daraus resultierende unterschwellige Aggression durchaus steht. Und ich muss zugeben, dass die Chuzpe, mit der sie just die Gesäßpartie der nunmehr dritten Bedienung an diesem Tisch zufällig berührt haben, mich beeindruckt. Da aber ich und die Herren Hoffmann und Koch hier öfter verkehren, würde ich Sie doch gerne bitten, Ihre Finger ab jetzt bei sich zu behalten.

Da sie übrigens auch nicht der erste hoffnungslos unterfickte Neuköllner Schlaumeier sind, der - in der Hoffnung, dass wir seine Getränke bezahlen - ein Interview mit uns führt, ist uns auch diese Frage nicht fremd. Hätten Sie sich ein wenig besser vorbereitet - oder sollte ich einfach sagen vorbereitet? - wüssten Sie, dass die Dosierung von Inhalten sexueller Art im StirnhirnhinterZimmer allenfalls homöopathisch zu nennen ist. Vor allem der Werte wegen, für die diese Veranstaltung seit Anbeginn steht, hinter denen wiederum wir stehen. Aber dazu könnte ihnen Herr Hoffmann sicher mehr sagen...

 

Markolf Hoffmann: Na gut, der Fairness halber muss man zugeben, dass Herr Koch nicht immer homöopathisch schreibt, wenn es um Themen unterhalb der Gürtellinie geht. Aber zurück zu den Werten: Tatsächlich sind wir DIE wertkonservative Lesebühne Berlins; die einzige, die sich moralischen, ethischen und qualitativen Grundsätzen verpflichtet, wie sich am stets guten Mittelmaß unserer Texte erkennen lässt. Maß halten in Wort, Ton und Inhalt, dafür stehen wir seit gut sieben Jahren, und haben als grundsolide Textarbeiter sämtliche Genreböden der Phantastik beackert - von wild wuchernder Science Fiction über die liebevoll versponnene Fantasyburleske bis zur ergiebig-nährstoffreichen Groteske. Dabei säen wir beißenden Humor nebst feierlichem Ernst, dunklen Schrecken nebst lichtem Schwachsinn, und ernten dafür Dank und Anerkennung unseres außerordentlich treuen, konsequent schwarz gewandeten Publikums.  

 

Simon Weinert: Boris, da würde mich nun aber mal interessieren, wie das aussieht, wenn man wie Du Wertkonservatismus stark unterhalb der Gürtellinie dosiert. Kann da überhaupt etwas anderes als “lichter Schwachsinn” herauskommen, ganz gleich, welchen Boden man dabei beackert?

 

Boris Koch: Nun ja, weit unter der Gürtellinie wäre das Knie, und das spielt in diesen Geschichten weniger einer Rolle, es sei denn, um zu knien. Ich arbeite mehr oder weniger direkt unter der Gürtellinie, und das nicht unbedingt im Dunkeln. Das heißt, man kann durchaus von “lichten” Geschichten reden, möglicherweise auch von “Schwachsinn”, aber das ist bewusst intendiert und beruht auf einer der großen Weisheiten aus dem Volksmund, eines Volks der Dichter und Denker, das da sagt: “Dumm fickt gut”.

Da die Konservativen sich ja als Volkspartei bezeichnen, ist die Verbindung hier geradezu offensichtlich. Auch bedeutet konservieren ja bewahren, und ich bewahre in diesen Werken einen ursprünglichen Trieb, nämlich unser animalisches Erbe, die lange verdrängten Werte aus den Zeiten von Jagd, Höhlen und Neandertalern, ohne dabei neue technische Errungenschaften wie Dildo, Peitsche oder Industrieroboter außen vor zu lassen. Literatur als Steinzeit 2.0. Und alles frei nach dem Motto: Ohne Gürtel gibt es auch keine Linie, unter die man gelangen könnte.

Markolf Hoffmann: Was aber, Herr Weinert, keine Erlaubnis darstellt, der nichtgürteltragenden Bedienung nun schon zum viertenmal an den Arsch zu langen. Behalten Sie ihre Finger doch endlich mal bei sich - und den Fokus auf diesem Gespräch, das ja unserer, also des StirnhirnhinterZimmers, Beweihräucherung dient. Immerhin sind wir jüngst, wenn auch nicht als eine der schönsten, besten und sympathischsten, wohl aber als die beliebteste Lesebühne Berlins ausgezeichnet worden, was uns jene kleine goldene Schreibmaschine eingebracht hat, die Herr von Aster so apart auf dem Tisch drapiert hat.

 

Christian von Aster: Direkt neben dem goldenen Gürtel, der quasi jeden Monat unsere libidinöse Demarkationslinie neu markiert. Flexibles Niveau ist nämlich eine der zentralen Qualitäten unseres kleinen literarischen Familienbetriebes. Wobei Herr Koch natürlich der einzige ist, der besagten goldenen Gürtel konsequent ignoriert, was aber schlussendlich auch seinen Erfolg bei Menschen mit Hosenträgern erklärt, wie sie ja einen Großteil unseres Publikums ausmachen.

Simon Weinert: Echt jetzt mal? Was soll denn dieses Rumgezicke? Diese verklemmte Scheiße? Da erzählt ihr einerseits was von Trieben und Steinzeit, was ja echt immerhin sexy ist, und dann macht ihr mich fies von der Seite an, wenn ich hier mal versuche, ein bisschen Reality und so’n bisschen was Authentisches reinzubringen. Ich meine, abgesehen davon geht hier doch auch nichts. Ihr pisst mir die ganze Zeit mit eurem drögen Literaturestablishment-Gefasel in die Ohren, geilt euch an piefigen Preisen auf wie irgendwelche halbsenilen Büchner-Preisträger, die vor lauter Gicht kaum mehr ihre Dankesrede tippen können. Ich meine, was wollt ihr hormonschwachen Kapuzen denn eigentlich auf einer Lesebühne, nachdem ihr bei den großen renommierten Verlagen alle längst eure Erfolge feiert, eure fetten Tantiemen einstreicht und jeglichen Biss verloren habt? Wir, also Schlotzen & Kloben, wir fighten in Neukölln mit unseren Texten quasi noch direkt auf der Straße, wir kämpfen den literarischen Klassenkampf, wir sind real, echt, da, seht ihr meine Hand auf diesem Arsch? Das ist real! Für euch jedoch ist Lesebühne doch nur eine Attitüde, Ihr seid total fake. Ihr gebt hier allmonatlich vor, den kulturellen Straßenkampf auszutragen, dabei sitzt ihr und euer Publikum doch fett und satt im Warmen. Und mir dann auch noch sagen, wo ich meine Hände nicht hintun darf, also echt mal! Was ich mich die ganze Zeit über schon frage: Wie könnt ihr euch angesichts dessen jeden Morgen im Spiegel ins Gesicht schauen, ohne dass euch das Kotzen kommt?

Christian von Aster: Ich goutiere Ihren Wagemut und Ihren Einsatz, junger Mann. Zumal das ja jetzt auch der Arsch der männlichen Bedienung war, den sie da, um uns das heiße Pulsieren ihres ungestümen Revoluzzerherzens vor Augen zu führen, so beherzt angefasst haben. Und auch den literarischen Neuköllner Straßenkampf unterstützen wir im Geiste. Während Sie hier allerdings emotional werden - bitte, nehmen Sie doch diese Serviette und wischen sich die Tränen und diesen Spuckefaden aus dem Gesicht - dürfen Sie nicht vergessen, dass das eine vollkommen andere Generation ist. Aber wer hat es Ihnen und Ihren Literistas denn überhaupt ermöglicht, den Weg nach draußen zu finden und stolz ihre Faust zu erheben? Das waren Männer wie wir, die dafür vieles aufgegeben haben. Wir waren es, die Ihresgleichen den Weg aus den Höhlen geebnet, Neukölln die Schrift gebracht und wackeren Männern wie Ihnen beigebracht haben, nicht mehr an Bäume zu pissen. Oder es jedenfalls nicht mehr zu tun, wenn jemand zuschaut. Und wir sehen mit Freuden, wie Sie sich dort unten entwickeln. Sie sollten unser Alter als Chance verstehen, Herr Weinert. So wie vorhin, als Sie Herrn Hoffmann baten, Ihnen den Schuh zuzubinden. Was, Herr Weinert, nützen dieser Welt denn Revoluzzer, die über ihre eigenen Schnürsenkel stolpern? Und jetzt nehmen Sie bitte ihre Hand wieder von dem Kellner.


Boris Koch: Ich weiß zwar nicht, was der Kollege von Aster gegen das Pissen an Bäume hat; in trockenen Sommern ist das doch geradezu die Pflicht eines jeden naturverbundenen Städters, ein persönlicher Einsatz gegen die zu erwartende Dürre, Pissen gegen den Klimawandel.

Aber was ich eigentlich sagen wollte, du taffer Neuköllner Straßenschreiber: Wirklicher Wagemut wäre der Arsch des Pitbulls da drüben gewesen, der jetzt zum dritten Mal das Sofakissen bespringt. Aber da lässt du selbsternannter Klassenkämpfer setzt die Finger von, was? Ist dir zu unpolitisch oder zu persönlich oder was? Stellst lieber Fragen nach Spiegeln und so. Was soll ich da reingucken? Nachsehen, ob mein Haar gut sitzt? Das tut es immer. Und wo ist das Problem, wenn man am Morgen nach einer durchzechten Nacht ein wenig kotzt? Oder nach einem Besuch bei Schlotzen & Kloben?

 

Christian von Aster: Herr Koch, ich bitte Sie. Nichts gegen Wasserlassen mit Grandezza. Aber in Neukölln vergessen Kollegen wie Herr Weinert dabei ja mitunter ihre Hosen zu öffnen. Ich vermute übrigens, dass er durchaus keine Skrupel vor dem Pitbull hat, die beiden sich allerdings schon von irgend einem Baum her kennen und das längst geklärt haben.

 

Simon Weinert: Jetzt kommt ihr wieder mit dieser postmodernen Kacke und tut so, als hätte dieser Pit -- wieso schaut der jetzt plötzlich zu mit rüber? Gehört der einem von euch? He! Könnt ihr dem sagen, er soll auf seinem Sofa bleiben? Bitte? Und, Christian, kannst du mir noch mal das Taschentuch geben? Und, äh, was wollte ich sagen?

 


 

Markolf Hoffmann: Erstmal, Herr Weinert, stellen Sie brav wieder die Goldene Schreibmaschine auf den Tisch, die sie so elegant während unseres Disputs in ihrer Gesäßtasche haben verschwinden lassen. Mann, Mann, Mann … so was schimpft sich heutzutage progressive Lesebühne! Wadenbeißer wie euch haben wir schon vor sieben Jahren in der Pfeife geraucht.

 

Christian von Aster: Etwas Nachsicht, Herr Hoffmann. Herr Weinert ist schließlich noch jung. Wir waren doch auch mal so. (...) Obwohl, wenn ich es mir recht überlege... Nein. So waren wir natürlich nicht. Und hätten wir ja auch nicht sein wollen. Das will ja eigentlich niemand. Zumindest niemand, der bei klarem Verstand wäre. Was natürlich nicht heißen soll, dass das, was Sie ‘darstellen’, in irgendeiner Form verwerflich und Ihre ‘Lesebühne’ der unseren in verschiedener Hinsicht unterlegen wäre. Obwohl man das natürlich auch so sagen könnte. Wenn man unsensibel wäre. Ich persönlich empfinde Ihr Auftreten als sehr erfrischend und die Fülle Ihres Haupthaares bemerkenswert. Und da, mein lieber Herr Weinert, liegt Ihre Stärke. Lassen Sie es sich gesagt sein: Sie sollten sich auf ihre Frisur konzentrieren. Denn da haben Sie uns ohne jeden Zweifel etwas voraus.

 

Boris Koch: Und für eine Karriere als Sofakissen sind Sie eindeutig zu furchtsam.

 

Markolf Hoffmann: Dem Pitbull würde es aber sicher gefallen ...

 

Simon Weinert: Äh, ach so, also ... Danke, ja? Dann äh, ist das von euch alles gar nicht so postmodern gemeint, nehme ich an, was? Und ihr meint wirklich, ich soll mir die Haare nicht schneiden? Und wie sieht’s mit der Parteimitgliedschaft in der FDP aus? Würdet ihr mir da auch zuraten?

Christian von  Aster: Ich denke auch, lassen Sie uns doch der Außenwirkung halber einfach noch ein wenig gegenseitigen Respekt und Wertschätzung simulieren und uns gemeinsam unseres siebenten Jahrestages erfreuen. Wir sollten - der fehlenden Kamera wegen - vielleicht auch noch in Ihr Notizbuch lächeln. Schließlich wird dieses Gespräch ja auch aufgezeichnet.

 

Boris Koch: Ich würde - schon wegen des rege praktizierten Bäumegießens - eher zu einer Mitgliedschaft im Obst- und Gartenbauverein raten. Ihr Faible für Ärsche prädestiniert Sie natürlich für eine ganze Reihe von Vereinen und Verbänden, aber die müssen in einer so gemütlichen Jubiläumsrunde ja nicht alle erwähnt werden, oder?

 

Simon Weinert: Oh ja, lasst uns lächeln. Das war ja nun immerhin ein interessantes Gespräch. Äh, und was ich noch fragen wollte: Von den verschiedenen Druckerzeugnissen da drüben kann ich mir doch bestimmt jeweils eins mitnehmen, oder? Und braucht ihr eure leeren Flaschen noch? He, aber warum dreht ihr euch denn nun alle weg? Wir wollten doch gemeinsam lächeln! Och menno, warum spricht denn keiner mehr mit mir? Ich verstehe das nicht, eben wart ihr echt noch so cool, und jetzt das. Na schön, dann halt nicht. Dann behaltet eure Flaschen halt. Aber glaubt bloß nicht, dass ich euch zum Geburtstag gratuliere.

 

Der Abschied von den drei Autoren ist kühl. Als ich wieder vor der Z-Bar stehe, überkommt mich ein Frösteln, denn es ist kalt. Aber vielleicht auch wegen der sozialen Kälte, von der ich in dem rotsamtenen Raum umgeben war. Ich habe viel gelernt an diesem Abend von den und über die drei Lesebühnenstars. Vor allem muss ich erkennen, dass sie für arme, hilfsbedürftige Mitglieder anderer noch unverbrauchter und unschuldigerer Lesebühnen, die noch keine zur Erfolgsroutine erstarrten sechs Jahre auf dem Buckel haben, nichts weiter übrig haben als ein paar gönnerhafte Ratschläge. Ansonsten lassen sie einen aber gnadenlos in Stadtmitte stehen. Mit dem Flaschenpfand und dem, was ich für die Rezensionsexemplare bei Ebay hätte herausschlagen können, wäre ich in der Lage, mir ein Taxi heranzuwinken und mich nach Neukölln fahren zu lassen. So aber muss ich arme Sau mich zu Fuß auf den Weg zur verkoteten, stinkenden U-Bahn machen. Und darüber regt sich kein Erbarmen im Herzen oder wenigstens in einem Stirnlappen dieses Hinterzimmers, in dem ausgelassen gefeiert wird, während ich am Fahrkartenautomaten verzweifle, weil er meine Scheine nicht frisst.

Interview des StirnhirnhinterZimmers
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