DIE HAUSACH-GANG -

oder

Ein Besuch beim 15. Hausacher Leselenz


Der Schwarzwald gilt als düster und Entstehungsort so mancher Legende.

 

Denkt man an Das kalte Herz des Dichters Wilhelm Hauff, so scheint der Schwarzwald ein wahrlich düsterer Ort voller Gefahren und nicht zwingend freundlich gesonnener Waldgeister. Ein wunderbarer Ort also, um sich schreiberisch inspirieren zu lassen - man muss sein Herz ja nicht zwingend unter dunklen Tannen dem nächstbesten Waldgeist verkaufen.

Das muss sich auch Kathleen Weise gedacht haben, als sie im vorangegangenen Jahr im Oktober ihr Stadtschreiberstipendium im hübschen Örtchen Hausach antrat, das sie für ihren Roman Blutrote Lilien erhielt.

Statt düsterer Gassen und unheimlicher Gestalten traf sie jedoch auf äußerst gastfreundliche Bewohner und stellte fest, dass Hausach nicht nur unheimlich viele, überaus gute Gaststuben zu bieten hatte, sondern auch ein lietarisches Highlight. Den Leselenz.

1998 rief der Lyriker José F. A. Oliver gemeinsam mit der Stadt Hausach den Leselenz ins Leben, der nicht nur Lesungen und Textwerkstätten in Schulen und Kindergärten beinhaltet, sondern seit 2009 auch Aufenthaltsstipendien in den Bereichen Lyrik/Prosa und Kinder- und Jugendliteratur und seit 2012 auch das Gisela-Scherer-Stipendium.

Dieses Jahr freuten sich die Autoren Odile Kennel, Raphael Urweider und Thomas J. Hauck über die Vergabe der Stipendien. Herzlichen Glückwunsch auch von uns.

 

Nun fand im Juli 2012 bereits der 15. Leselenz statt und wieder folgten der freundlichen Einladung zahlreiche Autoren aus dem In- und Ausland.

 

Auch drei Lesehappen-Autoren – nämlich Kathleen Weise, Boris Koch und Markolf Hoffmann – machten sich auf den Weg ...

 


 

... in die Heimat des Bollenhutes, wie dieses Schild verrät. 

 

Für alle, die mit dieser speziellen Form der Kopfbedeckung nicht vertraut sein sollten, sei hier angemerkt, dass es sich dabei um eine evangelische Kirchentracht handelt, die seit etwa 1750 von Frauen in den Dörfern Gutach, Kirnbach und Hornberg-Reichenbach getragen und im Laufe der Zeit zu einem Symbol des Schwarzwaldes wurde.

Was genau diese lustigen Bollen nun aber darstellen, ist leider bei Wikipedia auch nicht zu erfahren, und vor Ort haben wir - abgelenkt von hundert anderen Themen - vergessen zu fragen. Wenn Herr Hoffmann demnächst also irgendwo mit einer phantastischen Erklärung daherkommt, die hat er sich ausgedacht; das nur als Warnung für alle, die das Gespräch mit ihm suchen.

 


Das "Lesezelt", das eigentlich eine Lesehütte war.

Kinderleicht und Lesejung ...

 

...hieß das umfangreiche Kinder- und Jugendprogramm des diesjährigen Leselenzes und das beinhaltete neben Lesungen auch wieder Text- und Reportage-Werkstätten an Schulen (die Autoren wurden von Teilnehmern dieser Werkstätten sehr professionell interviewt, Respekt!).

Die Lesungen fanden in einer eigens dafür aufgebauten Holzhütte auf dem Marktpplatz statt, in der sich zahlreiche Klassen aus Hausach und dem Umland einfanden und mit den Autoren nach ihren Lesungen ins Gespräch kommen konnten. Die Frage an Herrn Koch, ob er eine Villa besitze, musste er leider verneinen, was zu Heiterkeit führte; zumindest unter den Schülern ...

 

Kathleen Weise las einen Anthologiebeitrag und stellte ihren neuen Jugendkrimi Aschenputtels letzter Tanz (Planet Girl/Thienemann Verlag) vor, mit dem sie die Zuhörer in ein Moor entführte, weniger sonnig als Hausach an diesem Tag. Boris Koch erfreute sein Publikum unter anderem mit einem Streitgespräch zwischen Ben (angeheitert) und einem Drachenritter (ebenfalls angeheitert) aus dem Drachenflüsterer (Heyne). Und Markolf Hoffmann besuchte den Leselenz mit dem bezaubernden Buch Ines öffnet die Tür (Ueberreuter Verlag) im Gepäck, und verwandelte die Hütte so in einen Raum der Wünsche.

 

Anmoderiert wurden wir Autoren in der Lesehütte sehr charmant von Ulrike Wörner, der Geschäftsführerin des Friedrich-Bödecker-Kreises Baden- Württemberg, verabschiedet wurden wir von ihr ebenso warmherzig mit einem kleinen Präsent, einem schönen Stiftebecher aus örtlichem Buchenholz, der der lokalen Burg nachgestaltet war.



Bildgalerie – zum Vergrößern anklicken.

Druckfrisch auf dem Büchertisch: die Neuausgabe von Feuer im Blut (Beltz & Gelberg) von Boris Koch.

 

Markolf Hoffmann und Kathleen Weise

Nachdem man so schwer gearbeitet hat ...

 

... muss man sich natürlich stärken. Dazu gibt es in Hausach vielerlei und gute Gelegenheit. Die einzige Beschwerde vieler Autoren nach einer Woche Leselenz erfolgt dann auch beim Blick auf die Waage, denn gutes Essen, (circa ...) ein oder zwei Bier und lange, in die Nacht führende Gespräche mit netten Autoren-Kollegen gehören nun einmal zum Leselenz dazu. 

Boris Koch und Milena Baisch

Und so haben wir unter anderem einen sehr vergnüglichen Abend mit der Autorin Milena Baisch verbracht, deren Kinderbuch Anton taucht ab (Beltz & Gelberg) letztes Jahr den Deutschen Jugendbuchpreis in der Sparte Kinderbuch erhielt. Sie stellte in Hausach die Fortsetzung Anton macht's klar vor, der wir einen ebenso großen Erfolg wie dem Vorgänger wünschen!

 

 


Die Hausach-Gang oder

Autoren auf freier Wildbahn

 

Gegen Mitternacht wurden im friedlichen Städtchen Hausach drei seltsame Gestalten gesichtet, die sich in der Unterführung nahe des Gasthofes "Die Eiche" und weiter die Straße hinab zu allerlei Schabernack hinreißen ließen. Es soll sich dabei um die berüchtigte Hausach-Gang handeln, über deren Initiationsriten derart Schreckliches gemunkelt wird, dass wir es an dieser Stelle nicht wiederholen möchten, aus Angst, die Finger faulen uns auf der Stelle ab und sickern in die Tastatur, wie es ein altbabylonischer Fluch besagt, der in sieben der Bodenfliesen geritzt war ...

 

Ausgelöst wurde diese Verhaltensauffälligkeit offenbar durch die Entdeckung eines Graffittis, das besagte: SÄRGE SCHMIERT MAN NICHT AUFS BROT. Dem kann man kaum widersprechen. Bleibt nur die Frage, ob die Hausacher Textwerstätten inzwischen schon auf Unterführungen abfärben oder nicht ...

 


Der Selbstmörder auf der Modelleisenbahn

 

Für die einen ist es der Himmel, für die anderen ein merkwürdiges Hobby für Nie-Erwachsenenwerdende: die Modelleisenbahn. Wer sich bisher fragte, was man an einer solchen nur so faszinierend finden kann, der sollte sich unbedingt einmal eben jene Schwarzwaldmodelleisenbahn in Hausach zu gemüte führen.

Die bietet neben den erwartbaren Miniaturzügen auch die eine oder andere idyllische Szenerie, es sind Städte, Dörfer, Bahnhöfe und sogar Badeseen nachgestellt, alles im Miniaturmaßstab: Menschen, Häuser, Tiere.

Es mangelt auch nicht an Dramatik und wenn man sich schon sicher wiegt inmitten dieser ganzen ländlichen Idylle schaut man plötzlich auf eine Brücke, auf der ein Mann steht, der sich in den Abgrund stürzen will und den drei Polizisten versuchen davon abzuhalten ... Und nur wenige Meter weiter wird ein Autounfall nachgestellt, bei dem man sogar Blut auf dem Asphalt sehen kann. Von wegen Idylle. 

Man merkt der Ausstellung jedenfalls an, dass sie mit Liebe und einem Augenzwinkern aufgebaut wurde, ein Besuch lohnt sich also auf jeden Fall.

 


Der Comic

Deutsch-tschechische Freundschaft – Alois Nebel

 

In den Räumen der Modelleisenbahn wurde auch eine weitere Ausstellung eröffnet, nämlich die zum tschechischen Kultcomic Alois Nebel. Anwesend waren Zeichner Jaromir 99, der gleichzeitig Sänger der Band Priessnitz ist, und Autor Jaroslav Rudiš. Nach der Ausstellungseröffnung kamen wir noch in den Genuss, Jaroslav bei einer Lesung zu hören, auf der er eine Geschichte über einen alten Rocker und Kraftwerk auf deutsch vortrug – was nicht verwundert, da er hervorragend deutsch spricht (deutlich besser als wir tschechisch). Anschließend haben wir zu den Klängen von Priessnitz abgerockt, die sogar ein großes Festival in Tschechien absagten, zu dem sie als Ersatz für Björk eingeladen waren, weil sie bereits versprochen hatten, nach Hausach zu kommen.

Toller Comic, tolle Band, toller Abend!

 


Kathleen Weise während der Ausstellungseröffnung zu "Alois Nebel"

Inhalt des Comics:

Ende der achtziger Jahre. Alois Nebel arbeitet als Fahrdienstleiter an einem kleinen Bahnhof in Bílý Potok, einem abgelegenen Ort an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, dem früheren Sudetenland. Er ist ein Einzelgänger, der das Sammeln alter Fahrpläne der Gesellschaft von Menschen vorzieht. Doch manchmal legt sich der Nebel über die Bahnstation, und dann sieht er Züge mit Geistern und Schatten aus der dunklen Vergangenheit Mitteleuropas: dem Zweiten Weltkrieg, der Vertreibung der Deutschen, der sowjetischen Besatzung. Alois Nebel wird diese Alpträume nicht los und endet schließlich in einem Sanatorium. Dort lernt er „den Stummen“ kennen, der bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, verhaftet wurde. Niemand weiß, warum er nach Bílý Potok gekommen ist oder was er dort sucht, aber er ist es, der Alois Nebel dabei hilft, den Kampf gegen seine Dämonen aufzunehmen ...

 


Szene aus dem Film "Alois Nebel"

Alois Nebel ist übrigens 2011 von Regisseur Tomáš Luňák im Rotoskopieverfahren verfilmt worden. Nach der Premiere im September 2011 auf dem Filmfestival Venedig, ist der Film inzwischen für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film 2012 nominiert, ebenso wie in der Kategorie Bester animierter Spielfilm.

In Deutschland soll er noch 2012 in die Kinos kommen. Also Augen offen halten!

 


Wenn man erst mal eine Straße nach dir benennt ...

 

Und wenn man schon mal in der Nähe der französischen Grenze ist, muss unseren Nachbarn doch auch einen Besuch abstatten, also waren wir auch noch in Straßbourg und haben zur großen Freude des Kollegen Kochs eben jenes Straßenschild gesichtet. Warum sie seinen Vornamen vergessen haben, darüber wollte er nicht groß nachdenken ...

 

Es war wieder toll!

 

Der Hausacher Leselenz lohnt sich auf jeden Fall – für Autoren und Leser. Es herrscht eine tolle Stimmung, alles ist einfach nur hervorragend organisiert und das Programm kann sich sehen lassen. Wir stellen also fest, dass der Schwarzwald keineswegs düster, sondern ausgesprochen bunt ist! Kalte Herzen haben wir keine getroffen.

 

Und danken an dieser Stelle allen Verantwortlichen und Helfern, die das alles möglich und uns die Zeit so angenehm gemacht haben.

Vor allem: José, Ulrike, Yves, Christiane und Miloud. 

See you next year!

Weitere Berichte zum Leselenz in der Badischen Zeitung und der FAZ.

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